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Nach der Hüft-OP: Worauf Patienten beim Sex achten sollten




Auf manche Sexpositionen verzichtet man nach einer Hüft-OP lieber erstmal - es gibt ja zum Glück ausreichend unbedenkliche Alternativen. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-tmn - (c)dpa-infocom GmbH

Remscheid (dpa/tmn) - Wann ist Spazierengehen wieder möglich? Wann Fahrradfahren? Wer eine Hüftprothese bekommt, erhält rasch Antworten auf solche Fragen. Ganz anders ist es, wenn es um Sex geht.


Längst nicht alle Ärztinnen und Ärzte sprechen dieses Thema von sich aus an. Betroffenen wiederum kommt die Frage «Wann und wie kann ich nach der OP wieder mit meinem Partner schlafen?» meist nur schwer über die Lippen - oft auch gar nicht.


«Das Thema ist tabubehaftet», sagt der Mediziner Gunnar Schauf. Dabei gebe es immer mehr jüngere Patientinnen und Patienten, die eine Hüftprothese bekommen. «Und auch die Älteren sind in puncto Sexualität immer aktiver», sagt der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Gelenkzentrum Bergisch Land.


In der Folge hängen für viele Betroffene große Fragezeichen über dem Thema Sex. Sie müssten oft eine Transferleistung erbringen, erläutert Schauf: «Sie wissen, was im Haushalt, im Garten, beim Tennis geht - und müssen dieses Wissen dann auf ihr Sexleben übertragen.»


Im schlechtesten Fall wird es schmerzhaft


Dabei ist es wichtig, sich vorab konkret zu informieren, was beim Sex mit Hüftprothese zu beachten ist. Einfach loszulegen, kann im schlechtesten Fall nämlich schmerzhaft enden.


Bei bestimmten Bewegungen besteht ein erhöhtes Risiko für eine Luxation, also ein Auskugeln des Gelenks. Dazu kommt: Wer vorbereitet ist, kann sich mit weniger Gedankenkarussell auf Intimität einlassen.


Zu viele Sorgen sollten sich Betroffene nicht machen, rät Schauf. «Ich erlebe oft, dass Patienten viel ängstlicher sind, als sie sein müssten», so der Orthopäde, der ein Buch zu diesem Thema geschrieben hat («Sex für Prothetiker»).


Wenn die Lust zurückkommt


Kurz nach dem Eingriff ist man erst einmal damit beschäftigt, auf die Beine zu kommen. Wortwörtlich. Doch worauf sollte man achten, wenn sich mit zunehmender Heilung auch die Lust auf Sex meldet?


«Generell sagt man, dass es drei Monate dauert, bis man wieder intensiv Sport treiben und alle Bewegungen wieder machen darf», sagt Prof. Karl-Dieter Heller, Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Herzogin Elisabeth Hospitals in Braunschweig und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik. Etwa so lange dauert es, bis sich die schützende Kapsel um das Gelenk wieder voll ausgebildet hat und die Stabilität der Hüfte gegeben ist.


Ist körperliche Intimität damit für drei Monate gestrichen? Keinesfalls. Schon einige Wochen nach der Operation können Paare sich wieder an Sex heranwagen.


«Paare sollten dabei langsam vorgehen. Die ersten drei bis sechs Wochen nach dem Eingriff sind, wenige Stellungen ausgenommen, keine Zeit für sehr intensiven Sex», sagt Heller. Das bedeutet: Schnelle Bewegungen sollten sie ebenso vermeiden wie ein extremes Anbeugen oder Strecken der Beine.


Beine nicht überallhin drehen und beugen


Auch die Seitenlage ist in der ersten Zeit nach der OP von Nachteil: «Wenn man auf der nicht-operierten Seite liegt, dann werden die Beine möglicherweise überkreuzt - das ist nicht sinnvoll», sagt Heller.


Worauf Betroffene genau achten sollten, wird auch von der Operationsmethode bestimmt. Je nachdem, ob im OP-Saal der Schnitt vorne oder hinten gesetzt wurde, ergeben sich Besonderheiten. «Bei einem Zugang von hinten sollte man mit der Innendrehung des Beines vorsichtig sein», sagt Gunnar Schauf. «Bei einem Zugang von vorn mit der Außendrehung.» Das beziehe sich aber auf das gebeugte Bein. Beim gestreckten Bein sei es nicht so wichtig, darauf zu achten.


In jedem Falle ist es ratsam, vorab mit dem Operateur oder der Operateurin zu besprechen, für welche Bewegungen der Hüfte es grünes Licht gibt.


Vorsicht bei Missionar und Reiter


Um Sex-Stellungen zu finden, die mit Hüftprothese funktionieren, helfen Kreativität und Flexibilität. Die bei vielen Paaren beliebte Missionarsstellung - er liegt oben, sie darunter - ist zumindest für Frauen nicht die optimale Wahl. Schauf: «Frauen mit einem künstlichen Hüftgelenk sollten dabei sehr vorsichtig beim Anbeugen der Beine sein. Wurde der Mann operiert, hat er nichts zu beachten.»


Vorsicht ist auch beim sogenannten Doggy-Style angebracht, bei dem die Frau vor ihrem Partner kniet, oder bei der Reiterstellung: Auch hier müssen Frauen ihre Beine mitunter stark beugen, was sich mit einer frisch eingesetzten Hüftprothese nicht gut verträgt.


Chance für neue Sexerlebnisse


Paare können die besondere Situation auch als Chance betrachten, neue Formen der körperlichen Nähe zu entdecken. Hilfreich ist dabei auch, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass Sex unbedingt mit Eindringen zu tun haben muss.


Man darf kreativ sein: Viele Möbel oder Gegenstände - Hocker, Sofa-Polster, Tisch - lassen sich durchaus als Hilfsmittel einsetzen, um eine möglichst gemütliche Position beim Sex zu erreichen. «Wenn es etwa noch wehtut, die Beine aktiv zu halten, kann man sie mit Kissen unterlagern», sagt Karl-Dieter Heller.


Apropos Schmerzen: Die sind in der Regel ein Zeichen dafür, dass die Position nicht ganz die richtige ist. Achtsam sein, über Bedürfnisse sprechen und nachjustieren - all das sorgt dafür, dass sich der Sex für beide Seiten gut anfühlt.


Normales und wichtiges Thema


«Was guttut, muss jedes Paar selbst herausfinden», fasst Heller zusammen. Am wichtigsten ist jedoch, die Scham in Bezug auf das Thema loszulassen - im Arztgespräch sowie im Austausch mit der Partnerin oder dem Partner. «Ich halte Sexualität für ein ganz normales und wichtiges Thema», sagt Heller, «und so sieht die große Mehrzahl meiner Kollegen das sicherlich auch.»


Wer sich dennoch nicht überwinden kann, kann sich vornehmen, das Thema mit in die Reha zu nehmen. «In der Physiotherapie etwa entsteht mit der Zeit oft ein Vertrauensverhältnis», sagt Gunnar Schauf. «Dann fällt es vielleicht leichter, das Thema anzusprechen.»


Literatur:


Gunnar Schauf: «Sex für Prothetiker. Liebesstellungen für Menschen mit künstlichen Gelenken», K+M Verlag, 72 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3000577598.


© dpa-infocom, dpa:211122-99-100214/3



Autor: dpa-infografik GmbH - 23.11.2021